Textfeld: Die Sonne kommt warm durch. Wir haben eine sehr angenehme Fahrt, alle sind heiter. Die Natur ringsum, sie hat sich noch nicht geändert. Obwohl die Hunte hier nur wenige, eher sanfte Windungen hat, bleibt der schweifende Blick nach vorn immer wieder an dichtem Buschwerk hängen, was der Flußlandschaft ein Urgepräge zu verleihen scheint. Mitunter ein abgebrochenes Ufer mit nackt wirkendem Sand, eine Heimstatt für Uferschwalben, von denen wir einige beobachten können. Ansonsten Einsamkeit, Ruhe. Sanft drängen die Wellen nach Norden, dem Meere zu. Und wir, sicher getragen von unseren Booten, auf ihnen, eine Spur schneller durch den Druck der Paddel, die mit ihrem wisselnden Tropfgeräusch bei der Vorwärtsbewegung Naturmusik erklingen lassen, gemächlich, rhythmisch, mit sanftem gurgelnden Schwall. Und über uns die silhouettierenden Blätter der Baumwipfel, wie sie mit leichter Bewegung Zeichen einer in sich ruhenden Endlosigkeit malen, jeden Sommer neu, und immer wieder. Und dann der Ruf der Vögel, ihr Zwitschern, Warnen, Werben. Bewegtheit der Natur in abwechselungsstarken Tönen, in Bildern voll sanfter Erotik. Nur der hat taube Ohren, blinde Augen, der all das nicht wahrnimmt, auf sich, in sich wirken läßt, - er-lebt, - genießt, in die Erinnerung eingräbt...
 
Es wird wärmer, schwüler. Die ersten Stechfliegen tauchen auf. Die Steuerleute warnen ihre Vormänner, indem sie Uhrzeitangaben rufen: "Bremse auf zehn nach zwei!" - Klatsch! Aber auch harmloseres Getier läßt sich blicken, so ein Zitronenfalter oder ein Eichelhäher, sein warnendes Geschrei durchschneidet die Luft. Und eine Lila Pause, vom Smutje angeboten, wandert von Boot zu Boot.
 
12,45 Uhr. Wir erreichen einen Sandplatz, der sich, sanft ansteigend, vom rechten Ufer aus erhebt. Marterpfähle. Einladendes Feuerholz. Ein umgestürzter Baum. Ein möglicher Lagerplatz? Ein naher Weg vorbei verursacht eine negative Entscheidung. Aber eine Ruhepause gönnen wir uns in der warmen Mittagssonne.
 
Weiter geht es nach gut 20 Minuten. Wieder herrliche Laubwaldlandschaft links und rechts. Es gibt, von den Kanadiern aus gesehen, eine Reihe von möglichen schönen Plätzen. Wie es scheint, sind wir zu faul, sie näher zu begutachten. Wir fahren gemütlich, bedächtig. Doch es empfiehlt sich, langsam wirklich einen Lagerplatz zu suchen; denn, fahren wir morgen noch weiter, sind wir schnell in Wardenburg. Und ganz so weit wollen wir eigentlich nicht. Vielleicht ...
 
Aber da erblicken wir in einer Linkskurve am linken Ufer vor ausgestreckten Kuhweiden eine große sandige Landzunge, auf die wir sofort zuhalten. Ein offenbar willkommener Platz mit einer alten Feuerstelle auf der nach oben hin mit Gras meistenteils zugewachsenen Fläche. Flußabwärts auf dieser Seite einige Büsche, in denen andere vor uns, vielleicht Kinder, eine in den Zweigen festgebundene Plane zurückgelassen haben. Auf der anderen Seite des Flusses dichter, hoher Wald. Darin eine alte, teils überwachsene Schleuse. Ein Weg davor, aber eben auf der anderen Seite.
 
Wo wir hier eigentlich sind? Schwierig auszumachen. Wir nehmen die Karte zu Hilfe. In diesem Moment zischt in westlicher Richtung ein Personenzug vorbei, in gut 350 m Entfernung. Das erleichtert uns die Bestimmung des Ortes: Wir sind etwa auf der Höhe von Sannum, einem Dörfchen, knapp 5 km nördlich von Huntlosen. Somit müßten wir uns am Barneführer Holz befinden, dem Wald gegenüber. Es scheint ein sicherer Platz zu sein, die Spuren auf Sand und Wiese sind alt, Kühe werden längere Zeit nicht mehr hier gewesen sein, obwohl die Landzunge auch als Viehtränke genutzt wird, wie uns der geöffnete Zaun zeigt. So entschließen wir uns, diesen Platz als Zeltplatz einzunehmen. …
 
 
 

Zu den Paddeltouren von 1979 bis 2003

Der Inhalt der die Erinnerung wach haltenden Paddeltagebücher wurde während der Fahrt jeweils in Stichworten notiert und später zu einem erzählend gefärbten Bericht ausformuliert. Die Rückseiten wurden mit Fotos versehen (Eine Auswahl der schönsten Paddelfotos der ganzen Jahre ist unter dem folgenden Link zu sehen: Paddeltourfotos im Web

Eines der vervielfältigten Hefte, jeweils mit einem Umschlagtitelblatt versehen, bekam natürlich jedes Mitglied der Crew.

 

Im folgenden ein Auszug aus: „Die Dötlinger Eiche“, Auf der Hunte 1993, S. 25 f.